Cortal Consors. Oder: Ist "Authentizität vortäuschen" eine besonders perfide Form der Täuschung?

Ich bin heute auf eine Facebook-Kampagne von Cortal Consors gestoßen. Und bin gespalten. Denn einerseits ist das eine wirklich gut gemachte Kampagne, mit tollen Filmen, einer guten Idee und einer sehr professionellen Umsetzung. Aber andererseits ist das irgendwie vielleicht auch nur eine besonders perfide Form der Täuschung?

Das Zentrum der Kampagne ist die Kampagnenwebsite http://www.mein-geld-meine-freiheit.de/. Die beiden Videos sind irgendwie ganz nett. Schön umgesetzt. Am Anfang denkt man, „nun ja“, etwas schnulzig, aber der Schluss entschädigt dann irgendwie. Er ist selbstironisch. Also alles okay, keine „große“ Kampagne, aber vorzeigbar. Es transportiert schon ein wenig von „Kundennähe“ und „Authentizität“, moderne Werte also.

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Edit (22.12., 12:00): Habe grade erst gesehen dass die Videos auf der Kampagnenwebsite wohl TV Spots sind, die schon im April über den Äther liefen (http://www.youtube.com/watch?v=sPSKjKXhYZM&feature=related). Als TV Spot kann man die so oder so beurteilen, siehe auch die Kommentare zum Video. Sehr schön der Kommentar von Pnaple "Natürlich kann man sie nicht ernst nehmen, aber das soll man auch gar nicht. Vielmehr will sie provozieren. Sie will sich abheben von den ganzen Versicherungen und Banken, die einem persönliches Interesse und das Wohl der Kunden vorgaukeln. Hier wird einfach mal Klartext geredet. Bei einer Bank geht es erstmal primär ums Geld...basta."

Die Verlängerung der TV-Kampagne auf Facebook

Interessant fand ich dann, was auf Facebook passiert: http://apps.facebook.com/meinstatement/. Hier lockt Cortal Consors mit einem „sensationellen“ Preis: Einem Parabelflug. Das ist doch was! Und auch diese Idee ist gut gemacht. Man soll ein Statement zum Thema Geldanlage abgeben, entweder per 150 Zeichen oder per Video. Ich bin darauf aufmerksam geworden, weil mich einer meiner Freunde über Facebook angechattet hat, ich möge doch für ihn voten. Die Viralität klappt also (zumindest irgendwie). Und auch sonst ist das Ganze handwerklich gut gemacht. Überall kann man die Seite „mit Freunden teilen“. Und am Ende des Gewinnspiels zieht Cortal Consors auch schön alle Daten ab. Inklusive Straße und Wohnort und so. Also alles „lege artes“, zumindest wenn man aus der Sicht des Marketing schaut.

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Und jetzt wird’s haarig. Die Agentur (?) will es dem User einfach machen und gibt bereits 17 Antworten vor. Okay, das kennen wir auch von Umfragen. Muss ja nicht schlecht sein. Allerdings kommen da auch so Antworten vor wie „Ich will eine Bank, die tickt wie ich. Und nicht wie eine Bank.“ Oder „Für meine Geldanlagen brauch ich tägliche Updates. Nicht jährliche Geburtstagsgrüße.“ Oder: „Ich will rechtzeitig selbst agieren und nicht informiert werden, wenn es zu spät ist.“

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Aktuell sind auf der Plattform 60 Statements. Ich kann nicht beurteilen, ob das gut oder schlecht ist. Ich weiß nicht genau, seit wann die Anwendung online ist (Edit: Offensichtlich seit Mitte April 2010, also 8 Monate). Aber zwei Dinge irritieren. Erstens dass man in Schritt drei explizit ein Video hochladen soll. Also hochladen, nicht etwa Über die Webcam aufnehmen, wie es sonst vielfach üblich ist.  Das ist schon sehr kompliziert. Und das habe ich dann mal genauer überprüft und festgestellt, dass tatsächlich rund 25 Videos online sind. Komisch nur: Die sehen alle exakt gleich aus! Nämlich so:

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Alles nur gefaked?

Und dann stellt man fest, dass viele der Leute dort ziemlich schlecht vom Teleprompter ablesen. Es sieht also ganz danach aus, als ob hier wild Kundenstatements und gefakete Statements zusammen gemischt werden. Und bei den meisten Videos kann man das definitiv nicht gleich erkennen. Denn auch die anderen Statements (die dann mangels Video das Facebook Profilbild verwenden) sind ganz in schwarz/weiß gehalten, und fügen sich so nahtlos in das Gesamtbild ein. Allerdings muss man auch sagen, dass man aus bei einigen wenigen Videos aus dem Kontext klar erkennt, dass es Cortal Consors Mitarbeiter sind. Aber bei den meisten Mitarbeitern ist es das nicht.

Edit (22.12., 12:00 Uhr: Ich habe jetzt auch (erst) gesehen, dass die ganzen Videostatements auch schon seit April online online sind, in einem eigenen YouTube Channel http://www.youtube.com/cortalconsorsde#g/c/035532377433CD1C. Und laut diesem YouTube Channel sind das wohl doch Kunden. Trotzdem alles irgendwie komisch. Vor allem, wenn die einfach in die aktuellen Uploads eingemischt sind.)

Und wenn ich das alles so sehe, dann kommen mir Zweifel…

  • Sind vielleicht viele der anderen (Foto) Statements auch getürkt?
  • Wieso glauben die Verantwortlichen weiterhin, dass man einfach weiter türken darf, wie in der Werbung auch? Oder „darf“ man das auf Facebook denn doch? Oder ist „Authentizität“ vortäuschen nicht eine besonders perfide Form der Täuschung?
  • Machen sich die Verantwortlichen Gedanken über Inhalte? Oder heißt es: Hauptsache (gewollt) komisch. Denn die vorgegebenen Antworten (s.o.) sind weder besonders lustig noch irgendwie „real“.
  • Was ist das Ziel der Kampagne? Vermittelt es wirklich Werte von Cortal Consors? Und wenn ja, welche? Dass sie türken?  Dass sie lustig sind? Dass sie eine Bank sind, die gar nicht tickt wie eine Bank? Dass sie tägliche Updates über Börsenkurse bereitstellen (Whow!) aber keine Geburtstagsgrüße versenden? (Ohhhhh)
  • Wenn die Leute schon ein Statement (über Facebook) abgeben sollen, warum können sie dann nicht (wenigstens als Option) auch auf ihr Profil verlinkt sein – das würde (wahre) Authentizität vermitteln?
  • Denken die Kampagnen-Macher tatsächlich, dass da jemand ein Video hochlädt – erstens weil es zu kompliziert ist und zweitens weil man total gegen die Profi-Videos abkackt?
  • Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass die „getürkten“ Videos immer einen zweifarbigen Text enthalten. Aber reicht das, um deutlich zu machen, dass die nicht „authentisch“ sind?
  • Wenn sie schon getürkte Statements einsetzen, warum machen die es dann nicht transparent? Das kann man doch zugeben? Wenigstens (!) als "Alibi", das im Video am Schluss kommt. 
  • Was spräche denn dagegen, wenn man in dem Text vorher schreiben würde: „Wir haben schon ein paar Videos hochgeladen. Um zu zeigen, wie unsere Mitarbeiter denken“, oder so. Und das mit Cortal Consors Logo oder so…

Aber am Ende steht jedenfalls immer die Frage: Hat die betreuende Agentur da Werte geschaffen? Oder hat sie Geld verbrannt (schätze gut 5- wenn nicht gar 6-stellig) und vielleicht sogar die Reputation von Cortal Consors gefährdet? Warum lässt sich der/die Verantwortliche bei Cortal Consors darauf ein? Glauben die alle, das merkt keiner? Oder dachten sie, dass das so klar wäre, dass man das gar nicht sagen müsste? Oder hat man einfach dafür kein Bewusstsein, weil die Werbung ja schon lange immer mit getürkten Testimonials arbeitet?

Mir jedenfalls scheint es besonders wichtig, dass im Social Web – zumindest bei professionellen Auftritten – die „Absenderklarheit“ als wichtiger Wert erkannt und respektiert wird (siehe auch Online-Richtline des PR-Rates). Grade Banken und Finanzberater ringen um Vertrauen. Und die ganze Kampagne ist auf Vertrauen angelegt, ansonsten würden diese authentisch anmutenden Videos wenig Sinn machen und ebenso wenig die Einbettung in Facebook.  

Wie kann man dann so doof sein, und eine „Vertrauens-Authentizitäts-Kampagne“ auf einer kompletten Täuschung aufbauen. Oder übersehe ich was?

Edit: Ja, ich habe wohl was übersehen. Nämlich dass die Aktion schon 8 Monate alt ist. Und dass sie offensichtlich "nur" eine "Extension" der TV-Kampagne war (oder ist). Ich verstehe das jetzt etwas besser.

Mirko Lange

Mirko Lange

CEO talkabout. Stehe für moderne PR. Wie kann man mit authentischer Kommunikation Mehrwert schaffen und Fürsprecher gewinnen?

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